Die kalte Schulter des Nordens

Werchojansk und Batagai haben wir bereits erobert, nun folgt der nördlichste Punkt unserer Expedition. Wir werden nun Ust Kuiga und Deputatski erreichen, um von dort aus das große Abenteuer, die Durchquerung der Tundra bis zum Fluss Indigirka zu wagen. Doch zunächst zurück zum nächsten Spiel, dem Weg weiter gen Norden.

Schon in Batagai ist augenfällig, dass viele Häuser verlassen sind, viele Werke still liegen. Batagais Bevölkerung ist seit den 90er Jahren um zwei Drittel zurückgegangen. Da ist es eine Erlösung, wieder in der schrottfreien Natur unterwegs zu sein, die hier Gott sei Dank die Überhand behalten hat.

Aufgrund der nördlichen Lage erreicht die Sonne keinen hohen Stand. Die Dämmerung zieht sich hier über Stunden.


Beste Vorraussetzungen für die Natur, das Land in fantastisches Licht zu tauchen.


Einzig das weite, hubbelige Schotterband des föderalen Weges von Ust Kuiga bis nach Deputatski deutet darauf hin, dass sich Menschen in diese Einsamkeit hervorgewagt haben.


Nach zwei Tagen Fahrt erreichen wir Deputatski. Das Dorf wirkt deprimierend, es ist Opfer ehrgeiziger sowjetischer Landeroberungspläne geworden. Hier wollte man im großen Stil Wolfram und Zinn abbauen, aber aufgrund der abgelegenen Lage und der widrigen klimatischen Bedingungen war dieses Vorhaben nicht wirtschaftlich. Fast alle Siedlungen im hohen Norden sind keine natürlich gewachsenen Dörfer, sondern aus dem Boden gestampfte sozialistische Konstrukte, die letztendlich ihr eigenes Grab geschaufelt haben.


Viele Menschen sind früher in den Norden gekommen, um hier viel Geld zu verdienen. Früher ging die Rechung Dank Subventionen der sogenannten Kommunisten auf, heute wird meist nach wirtschaftlichen Maßstäben gerechnet. So wurden in den letzten 15 Jahren die Regionen dramatisch gesund geschrumpft, viele Siedlungen regelrecht liquidiert.


Die einstige Dorfhauptstraße war die Leninstraße. Heute stehen nur noch zerfallene Häuser entlang der Uliza Lenina.


Viele Bereiche Deputatskis sind vollends verlassen, sogenannte tote Viertel.


Die Baustelle des neuen Verwaltungsgebäudes wurde vor 14 Jahren verlassen. Sogar die Kräne stehen noch so wie zu Bauzeiten.


Das Leben hat sich ins Zentrum zurückgezogen, aber selbst dort sieht vernachlässigt aus.


Nicht gerade vertrauenserweckend: Das Krankenhaus von Deputatski.


Fernsehantennen auf den Wohnblocks – TV ist der einzige saubere Blick in Deputatski.


Und nirgendwo in Jakutien ist das Leben so teuer wie hier. 4,50 Euro für einen Tetrapak Apfelsaft – das ist schon sehr happig, oder? Lebensmittel aus dem normalen Geschäft bleiben für viele unerschwinglich. Die Menschen ernähren sich von den Jagdvorräten aus den warmen kurzen Sommern.


Die Zeche von Juri, der hier einen Fuhrpark betreibt. Oder besser gesagt, dass, was davon übrig ist. Wir als Gäste werden natürlich herzlich aufgenommen und genießen den leckeren Fisch des Nordens in allen Variationen.


Dort, wo Technik zum Einsatz kommt, ist es immer schmutzig. Wasser ist rar, einen Hochdruckreiniger findet man hier vergeblich. Wobei dieser ohnehin hoffnungslos überfordert wäre.


Wer ist schwärzer? Die einst weiße Katze oder ihre Umgebung?


Juri hat eine Lizenz für das Suchen und Verkaufen von Mammutzähnen, die er im Sommer mit seinen Leuten entlang der Flussläufe aufstöbert. Die wertvollsten Stücke hat er in Plastik eingepackt, um sie vor Verwitterung zu schützen. Gerne würde er die je 80 Kilo schweren Prachtstücke verkaufen, aber der Preis für Elfenbein ist gefallen, Juri bekommt einfach nicht das Geld, was er gerne hätte.


Zwei Beamte einer Wirtschaftsprüforganisation aus Jakutsk, die wieder mal das Dorf auf Wirtschaftlichkeit überprüfen. Juri weiß, dass es vorteilhaft ist, sich mit ihnen gut zu stellen. Also mache ich das auch. Wer weiß, vielleicht eröffne ich hier mal eine große Reinigungs- und Abrissfirma.


Handynetze gibt es in Deputatski keine, wir weichen auf das Satellitentelefon aus. Und Ute erzählt, dass die Geschichte mit der weißen Katze, die jetzt schwarz ist, gar nicht stimmt. Womit sie recht hat. Die Katze war immer schon schwarz, nun hat sich die Umgebung ihr angepasst…


Schluss mit lustig, wir gehen raus aus der Zivilisation Deputatskis in unseren schwierigsten Abschitt der Expedition. Für fast 4 Tage werden wir uns abseits jeglicher Wegstrecken durch Taiga und Tundra schlagen, um den Fluss Indigirka zu erreichen.

Die nächtliche Begegnung mit den Rentierzüchtern 50 Kilometer hinter Deputatski soll die einzige auf 700 schier unbezwingbare Kilometer sein. Doch davon berichte ich beim nächsten Mal.


Alles Liebe aus dem trotz widriger Bedingungen so herzlichen Norden

Euer stets mit Fisch vollgefressener Kostya


07 Vom Winde verweht – Wir stecken in der Tundra fest
700 Kilometer Off-Road ohne einen bewohnten Punkt habe ich euch versprochen – und so soll es auch kommen. Nach 150 Kilometern auf dem Fluss erreichen wir Omtschikandja, ein vor 15 Jahren…Mehr >



05 Endlich ein halber Hunderter!
Auch im heutigen Bericht lass ich dich noch in der Begrüßungszeile, lieber Holger. Wir fahren nämlich bis nach Werchojansk. Der Ort, wo du beinahe 32 Jahre geblieben wärest…Mehr >



Nach Oben - professionelll geführte Wohnmobilreisen in die GUS, China und Iran - Abenteuer Osten