Himmel und Hölle

Ja, es waren aufregende Stunden vom ersten Kampf durch den eisgehärteten Schnee.


Selbst Eugen ist über die Länge des Tiefschneefeldes erstaunt.


Aber wie ihr sehen könnt, hat sich der Ural, das Tier, das Ungetüm nach Tausenden Rucks und Stößen und Aufschaukeln befreit und seinen Weg durch die Tundra fortgesetzt.


Belohnt werden wir mit Naturerlebnissen der Sonderklasse. Wir sind in diesem Gebiet sicherlich die ersten Menschen, die hier einen Fuß auf den vereisten Tundraboden setzen. Das ist Weite, wie sie weiter nicht sein kann. Ein ultimatives Gefühl, ein Moment, der für alle Kosten und Mühen der Expedition entschädigt. Ja, viel mehr etwas, dass einem im Leben nicht mehr genommen werden kann. Vielleicht teilt ihr in der Zivilisation Verbliebenen vor euren Bildschirmen ein bisschen dieses Erlebnis. Es würde uns freuen.


Schlechte Strecken – gute Strecken. Wir haben die ersten 30 Kilometer reine Tundra geschafft, sind nun auf einem Fluss, wo das Fahren erheblich berechenbarer ist.


Erleichtert nehmen wir unser Spätnachmittagsessen ein. Wir sind nun auf dem 70 Grad nördlicher Breite, die Sonne ist lange in der Nähe des Horizontes unterwegs. Bis in die Dunkelheit hinein sind wir unterwegs, das Flußufer erlaubt auch ohne Tageslicht genügend Orientierung.


Ab 10 Uhr abends beobachten wir immer wieder das faszinierende Polarlicht, dass sich oszillierend immer wieder aufschaukelt, um sich dann in einem wahren Feuerwerk der Ionisation über uns ergießt. Noch so ein unbezahlbar schöner Moment.


Wie klein sind wir Menschen doch gegenüber dem faszinierenden und so gewaltigen Kosmos.

Beim Fotografieren vergesse ich manchmal, wie kalt es ist. Mit welcher Freude und welchem Genuss kehre ich dann ins warme Fahrzeug zurück. Wir werden auf dem Fluss übernachten, die Polarlichter werden sich noch in mehreren Schüben zwischen Himmelszelt und uns ergießen…


…während wir in unseren Betten eine polarhimmlische Ruhe finden. Naja, nicht ganz zu himmlisch ruhig, das Pusten der Öfen und Brummen des Motors gehören dazu.


Der nächste Tag: Wir sind wie auf Pirschfahrt wieder auf gefrorenen Flüssen unterwegs. Tierspuren zeugen davon, dass hier keineswegs leblose Eiswüste ist.


Die scheuen Schneetauben gleiten knapp über dem Boden.


Was für eine Sensation! Sie leben also doch. Wir entdecken in 40 Metern Entfernung einige Mammuts. Und dabei galten die Tiere als ausgestorben. Zu Hause werden wir gleich der Bildzeitung von unserer Entdeckung berichten. Das Bild des eigenhändigen Fütterns der Tiere ist uns leider verloren gegangen…


Eugen hat eine wahre Mammutaufgabe zu bewältigen. Mehrmals pro Stunde muss er raus an den Motor oder unters Auto, wenn irgendwelche Ventile zugefroren sind oder der Motor wieder mehr mit Decken vor der zunehmenden Kälte geschützt werden muss oder wer weiß was noch ist. Eigentlich sind Eugen und das Auto fast zu einer Einheit verschmolzen – keiner kann ohne den anderen.


Auch wir erkaufen uns die einmaligen Erlebnisse auf dieser Strecke mit einem gewissen Maß an Bescheidenheit. Abwasch ist längst zum Abwisch mutiert – nichts für Sauberkeitsfanatiker. Auch das tägliche Vollbad muss leider ausbleiben.


Der Gau! Ein Ölschlauch ist abgerutscht – der Motor läuft trocken. Eugen hat es gerade noch rechtzeitig bemerkt. Sofort den Motor aus – und die Ursache suchen. Es wird ein Kampf gegen die Zeit. In weniger als 40 Minuten muss alles okay sein – sonst wird der Motor auskühlen und dann nicht mehr anspringen. Das weiß Eugen natürlich – so verzichtet er bei der Fehlersuche aufs Anziehen der warmen Kleidung. Es herrscht bissiger Wind – wir sind bereits wieder in einem Abschnitt der Tundra.


Eugens Lippen sind blau angelaufen – aber der Teufelskerl hat den Schlauch flicken können. Auch ich zittere am ganzen Leibe, weil ich draußen mithalf und einige Fotos riskierte.


Der Schreck steht Eugen noch immer ins Gesicht geschrieben. Einige Minuten später den Schaden entdeckt, und es wäre eine äußerst ungemütliche Nacht geworden. Obwohl wir mit autonomem Ofen und Satellitentelefon doch ganz gut ausgestattet sind.


Der nächste Morgen – die Piste liegt vor uns. Die Spuren hat Eugen vor 4 Wochen geschlagen – nun hat der Wind sie fast wieder zugeweht. Das Auto läuft – es ist alles in Ordnung. Wir sind noch 100 Kilometer von der rettenden Indigirka, dem gut befahrbaren Fluss, entfernt. Schaffen wir es bis dahin, ist die Messe gelesen. Dann werden wir den nächsten Flughafen anlaufen – es gibt alle 500 Kilometer entlang der Indigirka Siedlungen, die sogar alle an Flughäfen angeschlossen sind. Aber das ist gegenwärtig noch nicht das Thema –die nächsten Kilometer sollen es wieder in sich haben


Drückt uns weiterhin die Daumen, wir brauchen noch viel Kraft und Saft für die nächste Etappe

Euer

Kostya


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