Licht und Schatten auf dem Dorf – Abends Ankunft in Jakutsk

Liebe Leserinnen und Leser,

am späten Nachmittag erreichten wir Khandyka, die 5000 Einwohner zählende Stadt am Fluß Aldan. Uns bot sich ein vielseitiges Bild. Verlassene und zerfallene Gebäude, bewohnte, völlig vereiste Häuser und viele Autowracks, verbeulte, überfüllte Müllcontainer, rauchende Schlote der Kohleheizkraftwerke. Zunächst lauter traurige Eindrücke.

Aber der rege Verkehr, die vielen modisch gekleideten Menschen auf der Straße, die neuen Gebäude und die gut gefüllten Geschäfte zeigten uns, dass Khandyka längst noch nicht tot ist. Über 300 Haushalte haben bereits Internetanschluss, es gibt Computerclubs und Diskos, einige Restaurants und ab und zu auch eine auf Anhieb freundliche Verkäuferin. Spätestens wenn man mitbekommt, dass wir Deutsche sind, ändern sich die Gesichtszüge auch der stoffeligsten Verkäufer, sie lächeln dann und benehmen sich ganz anders.

Am Abend trafen wir uns mit Ivan Igoschin, einem Fotografen und Historiker, der die Spuren der Zeit der Sowjetunion aufarbeitet. Er weiß alles über die Stalinschen Lager und versucht durch abenteuerliche Expeditionen die Geheimnisse der jüngsten Vergangenheit zu lüften. Seine nächste Tour führt ihn Hunderte von Kilometern tief in die Jakutische Taiga hinein, dort steht ein altes Kirchengebäude fernab von allen Verkehrswegen. Zu Fuß wird er sich auf den Weg machen, allerdings erst in vier Monaten, wenn der Winter sein endgültiges Ende gefunden hat. Ivan zeigte uns seine Fundstücke von vorangegangenen Expeditionen, vieles davon dokumentiert eindrucksvoll die grausame Stalinära.

Müde und schmutzig legten wir uns ein letztes Mal im UAS schlafen und starteten in der Frühe des nächsten Morgens, angetrieben durch die Aussicht, am selben Tag noch unsere Basisstation in Jakutsk zu erreichen. Nach den extremen Eiswegen im Norden erschien uns die geschotterte Kolymatrasse erstaunlich glatt. Erstaunlich auch der rege Verkehr und die hier wachsende Infrastruktur mit neuen Tankstellen und Restaurants entlang der Straße.

Gegen 7 Uhr abends überquerten wir den letzten Fluss unserer Tour, die riesige Lena. Für die 19 Kilometer lange Überquerung auf dem meterdicken Eis benötigten wir fast eine Stunde, dann fanden wir uns wieder im Großstadtdschungel Jakutsks.

Zwei Stunden später schleppten wir große Säcke prall gefüllt mit gefrorenen Fischen in den fünften Stock. Es war das passendste Geschenk für unsere Gastgeber in Jakutsk. Viele der Fische haben wir ja unterwegs von LKW-Fahrern geschenkt bekommen, die anderen im Hohen Norden gekauft.

Hier in Jakutsk ist gutes Fischfleisch sehr teuer, umgerechnet bis zu 9 Euro das Kilo. Auf dem Balkon liegen sie nun, unsere Fische. Jeden zweiten Tag wird einer geholt und Stroganino gemacht. Auch wir genossen am Abend neben einem fürstlichen Begrüßungsessen den in hauchdünne Scheiben geschnittenen rohen Fisch aus dem hohen Norden von Russisch Fernost. Ach ja, die Dusche haben wir auch erhalten und genossen, wir sind zurück in der Zivilisation.

Im Studio & Museum von Ivan Igoschin. Beeindruckend die Funde aus der Stalinära.


Zur Begrüßung gibt es Stroganino, rohen gefrorenen Fisch. Beim Schälen tut sich Kostya schwer. Beim Essen weniger…


Hinter uns liegen fast drei unglaublich harte Wochen, wir haben diese den Umständen entsprechend gut überstanden.

Bevor wir aus Jakutsk abreisen, werde ich noch einmal ein Resümee der Reise ziehen. Zur Zeit müssen wir das Gewesene verarbeiten und auf uns wirken lassen, wir bitten um Verständnis.

Bis Morgen

Kostya und Holger

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