Die ehrliche Eispiste

Liebe Leserinnen und Leser,

ganze 1080 Kilometer härtester Winterpiste liegen nun hinter uns. Wir sehen entsprechend aus, haben uns seit 6 Tagen nicht vernünftig waschen können. Das ist typisch für Jakutien, fließend Wasser ist ein Luxus, den es nur in großen Städten gibt. Und letztere gibt es hier oben im Norden jenseits des Polarkreises nicht mehr. Werden wir eingeladen, was immer wieder vorkommt, wird Essen in die Mitte des Tisches gestellt, aber es gibt keine Teller. Jeder nimmt sich mit Gabeln, Messer und Händen soviel, wie er möchte. Das spart den Abwasch, für den ohnehin kein Wasser da wäre.

Im Tjoply Klutsch, dem letzten Ort auf der Kolyma-Trasse bevor man nach Norden abbiegt, haben wir getankt, alle unsere Zusatzkanister gefüllt und sind mit 300 Litern Benzin an Bord auf die unglaubliche Eispiste Richtung Batagai gefahren. Zunächst zweihundert Kilometer Schotter, dann ein letztes Dorf, natürlich ohne Tankstelle, und dann fast 800 Klinometer auf Flüsse, Seen und Sümpfe. Gleich zu Anfang bekamen wir Neueis, fuhren durch 50 cm tiefes Wasser. Stoppen darf man nicht, dann bricht man ein und das Auto versinkt ein bis zwei Meter und gefriert sofort fest. Ärgerlich, denn dann hilft nur noch das Rauspickeln, was bei einem LKW bis zu einer Woche dauern kann. Bei unserem Auto ginge es wohl schneller. Wir fuhren durch Schneewehen, grobe Kiesbetten, über Eisschollen, Risse, Gräben und Löcher. Die Russen nennen den UAS, unseren Bus, „Tier“, weil dieses Fahrzeug fast überall durchkommt, wie eine Raupe auch den steilsten Hang mit Schnee und Eis erklettert. Was ein Auto alles aushält, ist schier unfassbar.

Auf der Piste begegneten wir immer wieder Russen und Jakuten. Für sie ist es die Sensation schlechthin, dass sich Deutsche so etwas trauen. Entlang der ganzen Strecke weiß man von uns, die Nachricht hat sich auf 1000 Kilometer wie ein Lauffeuer verbreitet. Kommen wir irgendwo an, wissen die schon, wer wir sind und wo wir hinwollen. Es dauert nicht lange, dann werden wir eingeladen, meist zu Stroganino, dem in dünnen Scheiben geschnittenen rohen Fisch oder auch zu Pferdefleisch und Leber, genauso wie der Fisch serviert. Mittlerweile haben wir 12 gefrorene Fische auf dem Dachgepäckträger untergebracht, alle von Fahrern der Piste geschenkt bekommen. Sie nennen uns Helden, weil wir es soweit geschafft haben. Aber wir sind sicher, dass sie selbst die wahren Helden sind. Sie leben hier auf der Piste, verdienen schlecht und haben einen der härtesten Jobs der Welt.

Beinahe wäre auch uns der Treibstoff ausgegangen. Auf abenteuerlichste Art und Weise haben wir uns zu nächtlicher Stunde in einem Dorf 50 Kilometer vor Batagai 20 Liter Benzin besorgt. Die ganze Geschichte dazu erzählen wir in den Diavorträgen nach unserer Rückkehr. Ihr werdet das alles nicht glauben…

Der Norden von Russisch-Fernost ist anders als das übrige Russland. Auf der Strecke herrscht das Gesetz der Ehrlichkeit. Niemand würde es wagen, etwas zu stehlen, das Wetter erlaubt keine Diebe. Auch wir schließen auf den Eiswegen unser Auto nicht ab wenn wir zu Gast bei Bauarbeitern oder Geologen sind. Eiskalt und doch so warm.

Bei -40 bis -52 Grad sind wir meist auf Flüssen gen Norden gereist und waren von der bizarren Schönheit der Natur zutiefst beeindruckt.
Wir befinden uns nun in Batagai, einer 4000-Einwohnerstadt, eine ehemalige Goldgräberstadt, in der wieder viel Leben zu beobachten ist. Zumindest erscheint es uns so nach der langen Einsamkeit. In Gespraächen zeigte sich aber, dass viele Einwohner hier weg wollen. Die im Norden hoöheren Loöhne werden durch die hohen Lebenshaltungskosten aufgebraucht.

Uns geht es gut, wir haben aber eine sehr, sehr anstrengende Zeit, das Auto läuft rund um die Uhr. Unsere Fahrzeit beginnt manchmal um 5 Uhr und endet gegen 23 Uhr. Sonst schaffen wir einfach nicht genügend Kilometer. Wir haben ja noch einiges vor. Als nächstes folgt Werchojansk, einer der Kältepole unseres Planeten. Dort versuchen wir auch etwas Wasser auf unsere Körper zu bekommen, falls dies überhaupt noch hilft…. Es soll ein Hotel oder so etwas Ähnliches mit fließend Wasser geben. Das wäre ein Fest.

Nächtliche Begegnung mit einem sehr neugierigen Rentier.



Fahren auf blankem Eis. Es sind unsere liebsten Fahrstrecken. Glatt wie ein Babypopo im Vergleich zu den Landstrecken.



Holger bekommt bei einer spontanen Einladung eine Schneehasenmütze geschenkt. Die Gastfreundschaft ist überwältigend.



Leben auf engem Raum. Holger und Almaz haben ein angeregtes Gespräch.



Drückt uns die Daumen, dass unsere Kräfte und besonders die des Autos reichen.

Wir haben ganz sicher erfahren, was es heißt, hier zu leben. Die bisherigen Einsichten und Erlebnisse werden unvergessen bleiben.

Ganz eiskalt warme Grüsse aus Batagai

Kostya und Holger

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