Benzin hat gereicht – noch 450 Kilometer Kolymatrasse bis Jakutsk

Liebe Leserinnen und Leser,

wir haben den letzten Teil des Eisweges gut überstanden. Es gab nur noch eine kleine Stelle mit Neueis, die alle ohne Probleme passieren konnten. Nach vier wilden Fahrtagen schmerzt das Gesäß, die Luftsprünge von Fahrzeug und Insassen bei den unzähligen Bodenwellen, Eisspalten und Schlaglöchern haben ihre Spuren hinterlassen.

Aufgrund der ungewollten Aufenthalte bei Neueis haben wir mehr Treibstoff verbraucht als vorgesehen und sind gerade noch rechtzeitig an der ersten Tankstelle der Kolymatrasse eingetroffen, die dann glücklicherweise auch Strom und Treibstoff hatte. Man sagte uns, dass an dieser Tankstelle oft der Strom ausfällt, und dann wären auch bei uns innerhalb eines Tages die Lichter ausgegangen. Der UAS verbraucht bei laufendem Motor im Stand 2 Liter pro Stunde, wir hatten noch 20 Liter im Tank. Bei 35 Grad unter Null hätte er noch zwei Stunden kalt stehen können, um dann mit großem Aufwand wieder gestartet zu werden. Natürlich hätten wir auch im nahen Dorf Treibstoff organisieren können. Die Menschen hier wissen sich und uns immer zu helfen. Es ist aber alles gut gegangen. Vor uns liegen nun noch 450 Kilometer Kolymatrasse bis Jakutsk. Das ist übrigens die Strecke, die Jakutsk mit Magadan verbindet und die unter Stalin von Sträflingen durch die nordostsibirischen Berge getrieben wurde. Unzählige, fast immer zu Unrecht verurteilte Strafgefangene ließen beim Straßenbau ihr Leben, manche wurden einfach in den Schotter der Straße eingearbeitet. Heute fahren wir also auf den Knochen der Stalinschen Opfer, eine schaurige Vorstellung.

Auch unsere Route gen Norden hat Strafgefangenengeschichte. Immer wieder wurden im 8 Monate langen Winter Lager entlang der Flüsse aufgebaut. Heute ist von den meisten Lagern nichts mehr zu sehen oder die Zufahrtswege sind unpassierbar. Aber allein das Wissen, dass hier viele Menschen unter schier unvorstellbaren Bedingungen in Gefangenschaft arbeiten mussten und oft den Tod fanden, macht betroffen. Uns insbesondere, wir haben im Jahre 2006 das Leben auf den Verkehrswegen hautnah erlebt, wie muss es dann 1938 gewesen sein? Fahrer zu sein – das ist auch heute hier in der Tat eine lebensgefährliche Angelegenheit. Immer wieder wurde uns erzählt, dass Fahrer den kalten Tod gefunden haben, wenn sie allein fuhren und unterwegs zum Havaristen wurden. Wir waren mit autonomem Ofen und Satellitentelefon besser abgesichert, das Risiko dementsprechend gering.

Kleine Neueispassage, für unseren Allradbus kein Problem.


Abschied vom Nordostsibirischen Gebirge


Rechtzeitig an der Tankstelle der Kolymatrasse.


Eingezwängt zwischen Lenkrad und Rücksitz. Schlafen ohne echte Ruhe.


Heue treffen wir uns in Khandyka mit Ivan Ivanowitsch Egoschin, einem Historiker und Kenner des GULag in der Region. Wir werden Ihnen davon berichten.

Liebe Grüße

Holger und Kostya

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