Schock in Bischkek!

Holt einen die Vergangenheit wirklich ein? 1991 endete unsere damalige Reise jäh in den Fängen des KGB. Wir waren mit selbst ausgestellten Papieren in der damals noch bestehenden Sowjetunion unterwegs, als man uns in eben diesem Bischkek festsetzte, unser Reisemobil zwangsverkaufen und uns selbst des Landes verweisen wollte. Es wurde zum Tiefpunkt dieser Reise.

Und nun, 16 Jahre später komme ich wieder mit dem Auto nach Bischkek. Diesmal wahrlich nicht allein, ausgestattet mit korrekten Papieren, Reisebüropartnern vor Ort, einem Technikerteam und eben unseren 15 weiteren Reisemobilen. Ihr wollt jetzt wissen, wie Bischkek für uns verlaufen ist? Nun, ich muss sagen, ganz anders als erwartet. Die Zeit in Bischkek hat für mich schwere Stunden bereitgehalten.

Alles fängt zunächst ganz harmlos an.

Ab und zu rasseln wir in eine Radarkontrolle hinein. Meistens läst es sich ohne Strafe abwenden Wir sind als Ausländer aus dem fernen Deutschland Geschenk genug.


Eine der Hochschulen Bischkeks.Wir sind mitten drin im Zentrum von Bischkek.


Das Tanken macht hier noch Spaß. Die Zapfsäulen sind noch mit deutscher Schrift aus der Zeit vor dem Euro versehen. Man kann als für die gute alte D-Mark tanken. Oder zumindest das Gefühl bekommen. Und 45 Eurocent pro Liter kann man noch stehen lassen, oder?


Weniger Spaß bereitet der Blick unter unseren Wohnanhänger. Ein Riss im Rahme lässt die Alarmglocken klingen. Das muss hier gemacht werden.


Und dabei bleibt es nicht. Fast die Hälfte der Wohnmobile unserer Gruppe hat irgendwelche Probleme. Woah, das stellt mein Team vor eine logistisch schwierige Aufgabe.


Ein Krisenplan muss her. Das Technikerteam muss verstärkt werden. Julia, meine Generalmanagerin für den Abschnitt Mittelasiatische GUS hat weitere KFZ-Experten rekrutiert. Alles was sie in die Hand nimmt, klappt.


Ernsthaftes Problem. Ein Teil des Antriebes ist defekt, man sagt uns, es gäbe ein passendes Ersatzteil im benachbarten Kasachstan.


Rheinländer in Aktion. Auf dem Weg zur Werkstatt pumpt Manfred eine junge Kirgisin den Reifen mit erstaunlicher Hingabe auf.


Zwei weitere Fahrzeuge in Werkstätten. Natürlich ist der Paderborner dabei. Und der Hymer, bei dem es nun schon mal ab und zu im Kreuz zwickt. Ein Hymer ist auch nur ein Mensch…


Bei uns brennt der Baum. 7 Fahrzeuge brauchen die Hilfe von Bischkeker Werkstätten. Telefonisch wird alles gerissen. Ohne Handys stünden wir wohl noch heute da.


„Das Leben ist wie ein Zebra!“ sagt Julia, die hübsche Tourmanagerin. „Mal weiße Abschnitte, mal schwarze“. Julia sorgt dafür, dass die schwarzen auf unserer Reise möglichst schmal sind und die weißen breit. Danke Julia für deinen unermüdlichen Einsatz seit der ITB 2007!


Den Caravan bekommen wir erst gegen 23 Uhr aus der Werkstatt. Sie haben die Deichsel und den Rahmen erheblich verstärkt. Das, was jetzt an Straßen auf uns zukommt, würde alles bisher da Gewesene toppen, sagt man uns. Daher auch die Vorsichtsmaßnahmen des Hängers.


Nach einem harten Tag sinken wir müde in die Sessel unserer Zentrale in Bischkek.


Wenn ihr, liebe Leser, aufmerksam meine Berichte verfolgt habt und in die Gesichter des Teams blickt, merkt ihr vielleicht, dass etwas nicht stimmt, dass jemand fehlt. Marina ist nämlich nicht dabei. Marina ist schwer krank geworden, hat einen Hirntumor.

Julia und ich sind in der Nacht bei ihr und ihrer Familie geblieben. Wir haben 30 Minuten geweint, waren verzweifelt und haben dann den Kampf angenommen. Julias Kontakte in Bischkek und meine in Moskau und Marinas positive Lebenseinstellung helfen. Wir zaubern in der Nacht, besorgen Tickets, Klinik und Arztkontakte und setzten sie samt ihrer Mutter in das 6 Uhr-Flugzeug nach Moskau. Nur dort kann man ihr noch so schnell helfen.

Ich bin aufgewühlt, gerührt und physisch völlig geschafft von dem Aufenthalt in Bischkek. Habe eben meine Reisebegleitung, die mir so toll den Rücken freigehalten hat, verloren. Habe Sascha gegenwärtig in Kasachstan vermisst, und muss in ein paar Stunden weiter nach Südkirgistan, meine Gruppe steht dort bereits.

Am Morgen verlasse ich ganz alleine Bischkek und erblicke das Plakat von Gasprom, den starken Russen, die auch in Kirgistan großes Geld machen. Jetzt müsst ihr Russen einer Kirgisin helfen!


Es tritt nun eine viel schwerere Zeit an, die in keiner Weise mit meinem bisherigen Tiefpunkt in der Nacht des Notebookklaus in Irkutsk zu vergleichen ist. Wir werden uns davon nicht so schnell erholen, aber ich werde alles geben, damit in Moskau alles glatt geht.

Bin nun so alleine, meine Familie 7000 Kilometer weg, mein Team ist gegenwärtig nur auf die Mechaniker beschränkt. Aber das ist nichts gegenüber Marinas Herausforderung.

Marina, nimm es an dein Schicksal! Und dann fährst du die Tour eben im nächsten Jahr für mich. Beim Abschied am frühen Morgen drücke ich Marina noch das chinesische Zeichen für Glück in die Hand. Silvia, meine tolle Reisebegleitung bei meiner ersten Russlanddurchquerung, hatte es mir vor der Abfahrt in Deutschland gegeben. Glück hatte ich nun genug, das brauchst nun alles du, Marina.

Alle Kraft und Lebensmut, die ganze Gruppe ist bei Dir. Natürlich wirst du es schaffen.

Kostya

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