Recherchereise: Teil I & II

Große Asienrundreise 2007

24.03.07

Liebe Freunde!

Endlich finde ich einmal Zeit, euch etwas aus meiner Recherchereise für die große Sommerexpedition zu schreiben. Ich befinde mich in Mittelasien auf einem Abschnitt der „Alten Seidenstraße“, dem heutigen Bishkek, Kirgistans Hauptstadt.

Viel Seidenes ist hier gegenwaertig nicht zu finden. Es ist schon erstaunlich zu sehen, wie sehr rückständig dieses Land doch im Vergleich zum boomenden Russland ist. Es ist alles so wie zu Beginn der 90er Jahre, als ich zweimal durchs Land reiste. Nur, dass es nun überall Tankstellen und jede Menge Reklame gibt.

Auch der Grad der Russifizierung hat mich überrascht. Praktisch jeder spricht hier Russisch, auf jeden Fall viel häufiger als die kirgisische Landessprache, die ihrerseits in kyrillisch geschrieben wird und viele fehlenden Wörter direkt dem Russischen entlehnt hat. Alle blicken mit Sehnsucht nach Russland – dort, wo es ja so gut läuft. Horcht man in die Stimmungslage der Bevölkerung hinein, so ist sie seit der „Revolution“ vor genau 2 Jahren enttäuscht und will vor allem keine weitere Revolution. Die Menschen nennen das übrigens nicht Revolution, sondern Meeting der Opposition.

Heute, am Festtage, fuhr Militär auf und wollte auf jeden Fall die Eskalation, ein weiteres Meeting, verhindern. Was aber auch nicht schwer fiel, denn niemand der Erwerbstätigen hatte Lust auf einen weiteren Regierungssturz. Der Sturz vor zwei Jahren hat für einen Knick in der zuvor wachsenden Wirtschaft gesorgt, den alle gespürt haben. Auch deswegen will niemand „Normales“ eine zweite Revolution. Vieles erinnert mich an den Börsenkrach in Russland von 1998, als viele Geschäftsleute sich die Finger verbrannten, mittelfristig dieser Crash aber eine reinigende Wirkung hatte. Gleiches scheint sich zwei Jahre nach dem Sturz von Akaijew hier zu vollziehen. Nun wächst die Wirtschaft wieder, und das Volk will den im Vergleich zu Russland sehr bescheidenen Wohlstand nicht gefährden.

Im Gegensatz zu China, dem Land, welches ich vor einigen Tagen, ebenfalls in der Funktion eines Reiseunternehmers besuchte, habe ich hier das Gefühl, dass Kirgizstan die Möglichkeit hat, wieder auf die Beine zu kommen. China verließ ich mit der überraschenden Ansicht, dass der genannte Boom im Osten (und nur dort hielt ich mich einge Tage auf) ein viel zu schwacher sei, um das Riesenvolk auch nur annähernd zu versorgen. China hat neben den aktuellen Umweltproblemen ein ganzes Paket an offenen Fragen, das mir, wäre ich Chief of China, gewaltige Kopfschmerzen bereiten würde.

Der sogenannte Boom verpufft, wie gesagt, in der Masse derer, die davon profitieren sollen/wollen. An den Verkehrsknotenpunkten des Landes steht den Menschen die Armut und Not ins Gesicht geschrieben. Und das sind diejenigen, die sich überhaupt eine Reise nach oder von Peking aus leisten konnten. Also nicht einmal die Ärmsten.

Die Arbeitsbedingungen sind grösstenteils katastrophal, so erzählen es mir die vielen Gesichter der unzähligen Bauarbeiter, Reinigungskräfte und Fahrer. Wer in geschlossenen Gebäuden landen konnte, hat noch das bescheidene Glück, nicht in der dauernd vorhandenen Smogglocke arbeiten zu müssen, die den Großraum Peking in einen depressiv grauen Dunstnebel taucht. Sozusagen ein künstlicher Nebel, so künstlich, wie die meisten der Pflanzen in den wenigen Fussgängerzonen. Auch die sind aus Plastik. Abertausende Tulpen, Rosen und andere Blumen. Willkommen im China des 21. Jahrhunderts.

China ist zur Zeit Umweltsünder Nr 2 nach den USA. Ich versprach euch ein Paket von Problemen: Bitte sehr: Auch die demografische Lage lädt nicht zu Lächeln ein im Land des Lächelns (es stimmt, Chinesen sind sehr freundlich, lustig, lächeln oft im grauen, alltäglichen Einerlei). Die Einkindpolitik hat zur Folge, dass die Bevölkerung bald hoffnungslos überaltert sein wird, wie dann das sozioökonomische Leben aufrecht erhalten werden soll, vermag niemand zu sagen.

Ob die hölzerne Politikelite in der Lage ist, auf Problemdruck adäquat zu reagieren, vermag ich nicht zu sagen. Ich bezweifele es sehr. Auf dem Land boomt nichts außer dem Straßenbau. Es gab viel Dreck, teils slumartig die Behausungen.

Die Ausführenden der Exekutive, die Milizionäre, erscheinen sehr stumpf und unbeteiligt, wie die Spitzen der Politik – Nein, ich sollte besser sagen „dumpf“. Auf mich wirkt ein großer Teil des Volkes depressiv eingeschläfert, die wenigen Wachen wissen, dass es klüger ist, zu bestimmten Dingen zu schweigen.

Die Märkte (Energie, Immobilien) sind ähnlich überhitzt, deformiert und halbreguliert, wie es in vielen Transformations- und Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion der Fall ist.
Ich werde mehr über dieses Land lernen, wenn ich im Sommer 2 Monate mit dem Fahrzeug hindurchfahren werde. Es ist aufgrund seiner so netten Menschen eigentlich sehr liebenswert. Ungemein liebenswert. Allein wie sie schlafen, zaubert ein Lächeln ins Gesicht auch der mürrischsten westlichen Langnase.

Im Restaurant in der Pause liegen alle Köpfe der Bediensteten auf dem Tisch, es wird um die Wette geschnarcht, der Client geht staunend vorbei (ich zumindest). Oder kollektiv eine auf den Zug wartende Reisegruppe von 50 Personen inmitten der fast mannshohen Berge ihres Gepäcks. Oder der gut gekleidete Geschäftsmann, der in der Not einfach auf dem Asphalt ein Nickerchen hält, die Aktentasche als Kopfkissen untergeschoben, während sich Massen von Passanten an ihm vorbeischieben.

So, nun reicht es aber mit meinen Kommentarenüber ein Land, von dem ich zu wenig verstehe und nur als Beobachter wiedergeben kann. Die Reise war der letzte Impuls, um nun schnell die chinesische Sprache zu erlernen. Ohne das Wissen der Landes- oder Gebrauchssprache hat man keine echte Chance, sich ein Land zu erschließen.

Ich bin nun noch in Tadschikistan, Usbekistan, Aserbaidschan und Russland unterwegs, dann Anfang April wieder im Lande. Ich versuche, noch einmal einen Bericht zu platzieren.

Kostya

Recherchereise: Teil II

Eine Taxifahrt in Usbekistan als Spiegel der Gesellschaft in der mittelasiatischen GUS

So wähle ich die Überschrift zu meinem zweiten Report, den ich aufgrund meiner noch zu erledigenden Aufgaben eigentlich nicht schreiben könnte. Aber hier ist einiges, hingeworfen, so, wie es eigentlich nicht sein dürfte… und zu einem späteren Zeitpunkt überarbeitet wird.

Fangen wir an in Kirgistan, dass ich mit der grössten Mutprobe des laufenden Jahres verlassen habe. Ich stieg ein in den Maiskolben – so nennen sie hier die alten, kleinen Propellermaschinen, die sehr wahrscheinlich noch vor der Zeit der Dampfmaschine erbaut wurden … und dann knatterten mit mir ca. 30 weitere Passagiere über die Hochgebirgskamme des Tien Shan und Pamir. Beim letzten Gebirgskamm kamen wir sogar ins Trudeln, die Maiskolbennase auf die Berge gerichtet – freilich nur für ein paar Sekunden und der starken Winde über den Wipfeln geschuldet. Aber es war doch genug, auch all die anderen Passagiere an die verbeulten Bullaugen des Flugzeuges zu bringen, sie sorgenvoll auf das Geschehen da draußen blicken zu lassen und meinen Herzschlag nicht unerheblich zu beschleunigen. Es gab dann eine Punktlandung in Dushanbe und ich setzte alles daran, meine Anspannung und anschließende Erleichterung – ähnlich eines Mr. Bean in der Achterbahn – mir nicht anmerken zu lassen.

In Dushanbe starte ich meine Arbeit für die Vorbereitung unserer Tourismusprogramme im Pamirgebirge. Ähnlich wie in Kirgistan wird auch hier viel Russisch gesprochen. Selbst die zahlreich auf der Straße herumlungernden Jugendlichen sprechen Russisch. Und ich will es vorwegnehmen, in Usbekistan ist es nicht anders. Russisch wird auf Jahrzehnte hier vorherrschend bleiben, es ist auch die Verkehrssprache zwischen Tadschiken, Kirgisen, Russen und den anderen mittelasiatischen Völkern. Viele nennen die landeseigenen Währungen nicht Somoni, sodern Rubel. So präsent ist Russland auch am Fuße des Pamir.

Das Land am Pamirgebirge scheint die Transformation noch nicht recht verdaut zu haben. Es wird praktisch nichts produziert, dafür umso mehr gehandelt und spekuliert. Auch hier ist der Immobilienmarkt krank. Eine Verachtfachung der Wohnungspreise in den letzten Jahren spiegelt schon gewaltige ökonomische Verwerfungen wider. Auf der Straße sieht man das Resultat. Viele Männer sind arbeitslos, hängen als Taxifahrer ab. Es gibt wohl fast so viel Taxis, wie Männer in Duashanbe registriert sind. Trotzdem sieht man es gelassen. Man fühlt die Armut, aber sie ist versehen mit der nebelgrauen Lethargie der Volksrepublik China. Außerdem gibt es sehr viele Kinder. Tadschiken haben eine sehr hohe Geburtenrate.

Die Chinesen sind hier ebenfalls sehr präsent, sie versuchen, mit gewaltigem Maschinen- und Personaleinsatz die Straßen Tadschikistans wieder mit einer Asphaltdecke zu überziehen. Sie haben Baumaschinen, die den unsrigen sehr ähnlich sehen, aber made in China sind. So billig bauen nicht einmal die Russen und Tadschiken wie die Chinesen aus dem Osten.

Da meine weitere direkte Strecke Richtung Taschkent, meinem nächsten Ziel, wegen Lawinengefahr gesperrt war und es keinen direkten Flieger in die Hauptstadt Usbekistan gab, setze ich auf einen Inlandsflug ins ehemalige Leninabad, heute Chudschand, von wo aus es nicht mehr weit zur Grenze und nach Taschkent ist. Vor Flügen habe ich seit dem letzten Erlebnis über dem Hochgebirge keine Angst mehr. Der Flug mit einer Tupolew 154, einem uralten, nach Kerosin stinkenden Ding, war auch kein Problem, in 45 Minuten war alles vorbei und ich konnte mich von Leninabad, wie es die Russen auch heute noch nennen, mit einem PKW samt Fahrer auf die Reise zur tadschikisch-usbekischen Grenze begeben. Wir fuhren 100 km quer durch die chineschische Großbaustelle, der betagte Wolga musste unterwegs mehrfach repariert werden und ist wie ein Wunder durch all die Schlammpassagen gekommen, ohne stecken zu bleiben.

Zu Fuß überquerte ich die Grenze, wo früher nur ein Verkehrsschild stand. Nach 2 Stunden waren alle Grenzprozeduren überstanden, ich stand auf usbekischem Boden, umringt von einer Schar von Taxifahrern, die mich heftigst umwarben, doch mit ihnen nach Taschkent zu fahren. Schon innerhalb der Grenzanlagen lernte ich ein älteres russisches, in Tadschikistan lebendes Ehepaar kennen, welches ebenfalls nach Usbekistan wollte und mir vorschlug, gemeinsam zu fahren und sich die Kosten zu teilen. Also wartete ich auf die beiden, die nach 10 Minuten auch auftauchten. Sie fingen nun an, mit den Taxifahrern zu verhandeln, feilschten streng um jede Kopeke. Strenger, als ich es je getan hätte. Und damit nicht genug, sie suchten auch noch einen vierten Passagier, um den Preis pro Kopf noch weiter zu drücken. Schließlich fanden sie den vierten, einen Turkmenen. Und sie fanden einen Taxifahrer, der für 20.000 Sum, umgerechnet 14 Euro, bereit war, die 100 Kilometer lange Strecke zu fahren. Der Fahrer des Opel Omega war Kasache mit kasachischem Pass und möchte von Usbekistan nach Kasachstan, weil dort die Demokratie herrscht. Die Nummer seines Opel Omega ist schon eine kasachische, seine Tage in Usbekistan sind gezählt. Nun hatten wir ca. 90 Minuten Fahrt und genügend Zeit zu erzählen. Alles auf Russisch, versteht sich. Warum ich das so ausführlich schildere? Weil es uns die ethnische Vielfalt und Komplexität der Probleme in der GUS ein weiteres Mal sehr klar vor Augen führt.

Der Turkmene will nach Tadschikistan umsiedeln, weil in Turkmenistan – so seine Worte “nur Diktatur und Korruption herrschen und man keinen Schritt unbeobachet machen kann.” Dazu muss er erst nach Usbekistan, dort von der Turkmneischen Botschaft Papiere erhalten und dann in Turkmenistan irgendwie seine Umsiedlung erwirken. Der Sprachlehrer ist auf der Suche nach Arbeit und hofft sein Glück zunächst in Tadschikistan zu finden, was als Sprungbrett für einen weiteren Umzug nach Russland dienen soll.

Unser Fahrer, der in Usbekistan lebende Kasache, will wie gesagt zurück nach Almaty, der ehemaligen Hauptstadt Kasachstans.

Und das russische Ehepaar holt seinen Sohn in Usbekistan ab. Er hat seine Heimat Tadschikistan verlassen und lebt nun mit seiner Famile in der autonomen Republik Baschkortastan der russländischen Föderation, unweit des Ural. Die Eltern wollen aber nicht nach Russland, das Klima sei in Tadschikistan milder.

So fragten wir uns untereinander aus, meine Mitreisenden immer in der Hoffnung, vielleicht ein paar nützliche Neuigkeiten aus dem Raum der GUS zu erhaschen.

Für mich war es aufschlussreich zu sehen, dass alles noch lange nicht zur Ruhe gekommen ist.

Immer wieder bewundere ich die Mensche, wie sie trotz verschwindent geringer Gehälter und schwierigen Lebensbedingen so lustig und lebensfroh sind. Wir haben viel gelacht im Opel Omega.

Nach 90 Minuten ging eine Taxifahrt zu Ende, die mich dann umgerechnet 3 Euro kostete. Drei Euro für dreihundert Einsichten, die ich nicht missen will… und zumindest einige davon euch mitteilte.

Nun muss ich mich an meine Arbeit heranmachen, ich genieße nach dem ländlichen Dushanbe den Großstadtflair Taschkents.

Kostya

002 Liebe Wohnmobilistenabenteuerasienreisenden!
(So ein Wort gibt´s nur im Deutschen)…

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