Zu Besuch in der Raeuberhoehle

Meine lieben Mitfiebernden!

Ich weiss es laengst, wer es von uns ans Ziel geschafft habt, aber aehnlich wie bei der Foederalen Baustelle muesst ihr wieder alles Schritt fuer Schritt durchleiden, so wie wir es mussten. Leider habe ich heute noch keine Bilder dabei, moechte aber ganz kurz noch ueber unsere naechste Etappe schreiben:

Wieder stehen 300 Kilometer Schotter an, es wird die Staubhoelle schlechthin. Die Autoueberfuehrer rasen hier (fuer sie ist es ja hier der Anfang des ganzen Wahnsinns, sie muessen da durch, wo wir herkommen!) wie die Verrueckten an uns vorbei und wir schlucken Staub, bis die Zaehen knirschen. Das einzig Gute am Staub ist die geringe Sicht, die nicht zeigt, wieviel Steine durch die Luft wirbeln, die alle nur danach trachten, unsere Windschutzscheiben zu treffen. Tun sie auch ab und zu, aber kein Stien hat Erfolg, das Glas haelt. Wir haben wenig Augen fuer die Schoenheit der Natur, der Kampf auf der Piste laesst dies nicht zu. Die Sonne brennt uebrigens zum ersten Mal richtig heiss vom Himmel herunter, ein kleiner Vorgeschmack auf China.

Gegen fruehen Abend erreichen wir unser Etappenziel, stehen am Fluss Bira, dem Hauptfluss des Autonomen Juedischen Gebietes. Ein wunderschoener Platz abseits des staubigen Wahnsinns auf der Piste. Rein in den Fluss, den Staub runterwaschen, dann ein Lagerfeuer – Puh, wir haben wieder ein ganz grossen Schritt Richtung Waldiwostok getan! Die Schotterpiste hoert morgen nach wenigen Kilometern auf, so hat man uns gesagt.

Der naechste Morgen, die naechsten Abenteuer: Die wenigen Kilometer Schotter entpuppen sich als heftigste Baustelle, in der Dutzende Belasi-Kipper-LKW gewaltige Mengen an Abraum wegfahren. Es ist auch hier ein monumentales Baustellenprojekt zu beobachten. Hoch beeindruckend. Wartet nur auf die Bilder! Schliesslich erreichen wir alle unbeschadet Birobidschan und stehen schon wieder am Fluss Bira, direkt gegenueber des Zentrums der Hauptstadt des Juedischen Autonomen Gebietes. Zu Fuss koennen wir das Zentrum erreichen, bummeln durch die gruene Stadt, die von vielen Russen (allen denen, die hier nicht leben…) als Raeuberhoehle bezeichnet wird. Es steckt eine Brise Antisemitismus dahinter, niemand mag die Juden so recht leiden. Dabei machen sie heute nur 2% der Gesamtbevoelkerung aus, die ueberwiegende Zahl sind Russen. Hier betrachtet man die Juedischen Umsiedlung unter Stalin als ein freiwilliges Projekt zur Besiedlung der Region, bei uns im Westen versteht man es als Deportation. Heute ist davon ohnehin nicht viel zu merken, der Umgang mit der Vergangenheit ist hier beschwungen leicht. Was zaehlt, ist die Gegenwart, und diese wird genossen wo immer es geht. Familien kommen in den Park am Ufer, wo auch wir stehen. Sie laden uns ein zum Schaschlik, Bier und natuerlich Wodka.

Fuer mich wird es eine lange Nacht. Erst laden sie mich ein ins Armenische Restaurant, wo derartig kraeftig aufgetischt wird, dass die Teller zu 2/3 voll bleiben. Es sind ganz normale Menschen, die hier feiern. Lebenskuenstler, denn sie geben heute im Laufe der Nacht ihr halbes Monatsgehalt aus. Unbeschwingt feiern wir bis in den fruehen Morgen weiter auf der neuen Bowlingbahn, mir gelingt der Bahnrekord, es war einfach das ultimative Feeling. Um 4 Uhr sind wir weitergezogen, ich wurde in die Woihnung von Nadja und Andrej eingeladen. Er kampfte in Tschetschenien, sie handelt mit chinesischen Waren. Ihren bildhuebschen Sohn haben sie bei der Oma untergebracht, denn sie feiern schon seit zwie Tagen. In der Wohnung wird renoviert, mit dem hohen Sold aus der Tschetschenienzeit konnte die Wohnung gekauft werden. Wieder tischen Nadja und Andrej kraeftig auf, es ist bereits halb sechs, als ich auf’s Gehen draenge.

Um Sieben wollen wir abfahren, davor muss noch unsere Zeitung raus. Zeitung? Ja, wir haben eine eigene Tageszeitung, die ueber das Gewesene und das Kommende berichtet, der W.O.K. (WildOstKurier), der in der stolzen Auflage von 17 Exemplaren zu jeder neuen Etappe erscheint. Und diese Zeitung muss ich nun noch schreiben, habe noch 60 Minuten Zeit. Es wird heute ein Exemplar mit mehr Fehlern als sonst, manch ein Wegetipp verwechselt links mit rechts, aber das duerfte auch niemanden mehr umhauen. Und jedem ist klar, das Biribidschan mit seinen wunderbaren Menschen alles andere als eine Raeuberhoehle ist. Der letzte Raeuber wurde uebrigens im Jahre 2001 aus Birobidschan umgesiedelt, er lebt jetzt in meinem Hause. Gemeint ist unser Kater Birobi, den Silvia und ich vor 6 Jahren auf unser ersten Russlanddurchquerung hier aufnahmen und nach Hause mitnahmen. Jetzt terrorisiert er unsere Nachbarkatzen…

Zurueck in den Fernen Osten. Ohne Schlaf geht es in die naechste Runde, wir fahren ins nahe Chabarowsk. Warum ich trotz akutem Schlafmangel hellwach bin und besonders auf der nicht enden wollenden Stadtdurchfahrt duch Chabarowsk fast schon gedopdt wirke, wird im naechtsen Bericht verraten. Dranbleiben, es lohnt sich wieder mal. Und zuvor gibts die Bilder auf dem Weg in die Raueberhoehle.

Bye
Kostya



09.07.07
Anbei die versprochen Fotos auf unserem Weg durch den Fernen Osten. Bin ganz schön unter Strom und komme kaum dazu, Luft zu holen.


Die Landschaft im Jüdischen Autonomen Gebiet präsentiert sich in sattem Grün.


Und rein geht es in die Staubhölle. Wieder warten 300 Kilometer übelster Strecke auf uns. Wir haben uns aber irgendwie daran gewöhnt, diese Abschnitte hauen uns nicht mehr um.




Wir stehen am Fluss Bira, nach dem Ritt durch den Staub eine wahre Erholung.



Unsere Knackis, äh Mechaniker. Für sie, die vor drei Jahren ihrem kriminellen Leben entsagt haben, ist es eine göttliche Erfahrung, mit uns durch den Fernen Osten zu reisen. Die beiden verhauen nun nicht mehr Leute, sondern danken Gott in intensiven Gebeten für ihr Dasein.


Eine göttliche Runde. Wir genießen den milden Abend am Bira…


…und lassen uns von Sergej coole Verteidigungstricks zeigen. Sergej, ehemaliger Marineoffizier, ist auch ausgebildeter Verteidigungskämpfer.


Die Nacht war angenehm kühl, nun steigt der Nebel vom Fluss auf. Draußen wartet wieder die Piste auf uns.


Wieder sind es gewaltige Erdbewegungen, die den Bau der Föderalen Strecke Tschita – Chabarowsk ermöglichen sollen.



Ankunft in Birobidschan. Hebräische Schrift und einige Straßennamen lassen noch am ehesten auf die jüdische Bevölkerung schließen. Heute leben vornehmlich Russen in Birobidschan, der angeblichen Räuberhöhle.


Auch Birobidschaner kleiden sich sehr modisch. Die Pants sind schön hot, passend zum Wetter.


Malerischer Standplatz im Grüngürtel von Birobidschan. Hier stehen wir zwei Tage und erholen uns vortrefflich.


Wochenendausflügler haben uns vom Wasser aus entdeckt und halten an, um uns und unsere Autos zu bewundern.


Sascha im Mittelpunkt der weiblichen Aufmerksamkeit. So macht das Anhängerzeigen Spaß!


Sie landen uns ein zum Schaschlik. Die Gastfreundschaft ist einfach überwältigend.


Die Synagoge, das Glaubenszentrum der Birobidschaner Juden, die uns heute, am Sabbat, nicht empfangen werden.


Birobidschan hat sich gemacht, lädt ein mit vielen grünen Passagen und neuen Plätzen.


Die Menschen in Birobidschan genießen den sommerlichen Tag auf verschiedene Art und Weise.



Andrej läuft die Strecke Wladiwostok – Moskau zu Fuß. Als eine Art besondere Pilgerreise ist dieser Marsch gedacht. Wir wissen, auf was sich Andrej einlässt. Oder?


Der Abend wird lang, ich bin zur Semesterabschlussfeier eingeladen.


Gegen 2 Uhr Morgens landen wir auf der vor einigen Monaten eröffneten Bowlingbahn und spielen wunderbare Bälle. Andrej und Nadja genießen den frühen Morgen.



5 Uhr Morgens. Wir sind längst in Andrejs und Nadjas Wohnung. Um sieben geht es weiter nach Chabarowsk, zuvor muss ich noch die Zeitung schreiben. Egal, die Nacht war toll.


Sind das die Müdigkeitserscheinungen der durchmachten Nacht? Mir erscheint, als ob Christian auf dem Weg nach Chabarowsk von einem Ufo verfolgt wird…


Ich wünsche angenehme und unterhaltsame Weiterreise.

Kostya

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