Russland – ein Sommermärchen

Liebe Leute daheim und unterwegs!

Es war einmal eine Wohnmobilisten-Reisegruppe… die sich tollkühn auf ein Abenteuer Osten einließen.

Nachdem wir in Kizhi richtig froren, tat ein Fahrtag im warmen Wohnmobil eigentlich ganz gut. Hin und wieder ließ sich an unserem dreizehnten Reisetag auch die Sonne blicken.

Zwei Zwischenstopps auf unserem Weg nach Powenec boten sich an: Da wäre Kondopoga mit seiner schönen, alten Holzkirche.

Vergleichsweise schlichte Holzornamente und Malereien zieren das Innere der Kirche.

Es ist schon merkwürdig: Die schmucke Kirche befindet sich in direkter Nachbarschaft zu einer Papierfabrik, die nicht so recht ins Bild passen will.

Na ja, man kann ja auch einfach woanders hinschauen. Auf den Onegasee zum Beispiel.

Die Weiterfahrt gestaltet sich etwas holprig, aber das kennen wir ja inzwischen schon.

Der zweite Zwischenstopp bietet sich am Kiwatsch an. Über gut ausgebaute Wanderwege und Holzstege erreicht man Aussichtsplattformen, die verschiedene Perspektiven auf den mit elf Meter Fallhöhe zwar eher kleinen, aber dennoch imposanten Wasserfall.

Altertümliche Steininschriften stehen bei uns eigentlich erst später im Programm, aber unterwegs gibt es schon Mal eine modernere Variante zu entziffern…

Nach einigen Kilometern mehr erreichen wir unseren wunderschön gelegenen Stellplatz inmitten des Kiefernwaldes in der Nähe von Medweschegorsk.

Der Name des Ortes bedeutet übersetzt in etwa „Bärenberg“. Der Name kommt nicht von ungefähr: Schätzungsweise 500-800 Braunbären leben im russisch-finnischen Grenzgebiet. Ob wir einen zu Gesicht oder gar vor die Kamera bekommen werden?

Unser Stellplatz liegt nur einen kleinen Spaziergang vom Onega-See entfernt. Wer will, springt nach der Sauna direkt ins kalte – sehr sehr kalte! – Nass.

Am nächsten Morgen verlassen wir unseren Stellplatz für einen Tagesausflug an den Weißmeerkanal. 227 Kilometer lang ist die Wasserstraße, die den Onegasee mit dem Weißen Meer verbindet.

Die zwischen 1931 und 1933 künstlich angelegten Kanalabschnitte und Schleusen wurden zum großen Teil von Zwangsarbeitern gebaut, die ohne technische Unterstützung Gräben aushoben. Viele Menschen kamen beim Bau ums Leben.

Dass viele der Zwangsarbeiter in der Folge von Überanstrengung, Hunger und Kälte starben, war von Stalin kalkuliert. Nachdem der Bau des Weißmeer-Kanals abgeschlossen war, ließ er die überflüssig gewordenen entkräfteten Überlebenden erschießen.

Wenige Jahre später, im Zuge der Stalinschen „Säuberungen“, hoben die Handlanger des Parteisekretärs weitere Gruben aus. Mehr als 7000 Menschen wurden vor Ort erschossen und in Massengräbern verscharrt. Jahrzehntelang blieben die Angehörige im Unwissen darüber, was mit ihren Familienmitgliedern geschehen war. Erst in den 1990er Jahren unterstützte die russische Regierung die Aufarbeitung der Verbrechen der Stalinzeit, sodass die Gräber lokalisiert werden konnten. Heute erinnert der Gedenkpark im Wald von Sandarmoch an die Gräueltaten, die hier geschahen.

Angehörige haben – ohne genaue Kenntnis, wo der Verstorbene begraben ist – zum Andenken an die Toten Kreuze aufgestellt. Die Hinterbliebenen aus unterschiedlichen Konfessionen, Nationen und Ethnien erinnern und mahnen hier gemeinsam.

Bedrückt verlassen wir die Gedenkstätte. Unser Guide Sergej ist der Museumsdirektor des Weißmeerkanal-Museums und versteht es, uns bei aller Ernsthaftigkeit des Themas ein wenig aufzuheitern – zumindest könnte man die hübsche Dekoration des Treppenaufgangs mit Luftballons und die kleine Akkordeon-Darbietung so verstehen.

Die nächste Fahrtetappe wird uns parallel zum Weißmeerkanal bis an die Küste des Weißen Meeres führen.

Immer wieder eine Herausforderung: Abschnittsweise gibt es mehr Schlaglöcher als Straße. Wäre sonst ja auch langweilig.

Spätestens beim gemeinsamen Grillen auf unserem Stellplatz in Belomorsk und beim „landestypischen Umtrunk“ haben dann alle die holprige Anfahrt verdaut.

Am nächsten Morgen machen wir uns auf den Weg zu einem weiteren Highlight unserer Reise: Die Klosterinsel Solovki im Weißen Meer! Per Bus zum Hafen, per Boot zur Insel, zu Fuß zum Kloster – die lange Anreise lohnt aber allemal! Spätestens, wenn vom Deck aus Wehrmauer und Kirchtürme zu sehen sind, hat man jede Müdigkeit vergessen.

Gemeinsam mit unserer Reiseführerin erkunden wir den Innenhof der Klosteranlage, das Refektorium mit seiner interessanten Architektur, zwei Kirchen und das ehemalige Gefängnis des Klosters.

Die Gefängnisanlage aus vorsowjetischen Zeiten sowie die geographische Isolation der Weißmeer-Inseln war ein Grund dafür, dass der gesamte Inselkomplex in den 1920er und 30er Jahren als GuLag funktionierte. Alexander Solschenizyn dachte sicher auch an Solowki, als er den „Archipel GuLag“ verfasste.

Gegen Abend geht es per Katamaran zurück nach Belomorsk. Das Wetter ist uns wohlgesonnen und so genießen wir die herrliche Aussicht.

Rechtzeitig zum langsamen Sonnenuntergang gegen 23:00 nähern wir uns dem Hafen von Belomorsk.

Und wer es schafft, noch ein Stündchen oder zwei die Augen aufzuhalten, kann bewundern, wie der Sonnenuntergang nahtlos in die Morgenröte übergeht.

Am nächsten Tag lernen wir von Anna, einer jungen Mitarbeiterin des Belomorsker Museums, einiges über die Petroglyphen, die Menschen vor 6000-7000 Jahren hier hinterließen: Sie jagten Land und auf dem Wasser.

Anna zeigt uns den „weißen Schamanen“ und erklärt, dass er vermutlich für viele Sonnentage tanzte – gewissermaßen also das Gegenstück zu einem Regentanz tanzte. Die Einwohner von Belomorsk meinen heutzutage augenzwinkernd, dass Wünsche in Erfüllung gehen, wenn man fest an sie denkt, während man den Kopf des Schamanen streichelt…

Hoffen wir, dass sich alle viel Sonnenschein für unsere letzte Woche in Russland gewünscht haben!

Grüße vom Weißen Meer senden euch

Aline, Oleg und Anatolij

004 Hinter dem Polarkreis
nachdem wir die Bekanntschaft des weißen Schamanen von Belomorsk…

002 Willkommen in Karelien
Wir lassen das prunkvolle St. Petersburg hinter uns und fahren…

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